Was wird heute wohl passieren, am 21.11., 7 Tage vor Abflug?
Es ist kurz vor 8:00 Uhr und noch passiert gar nichts.
Wir warten, warten und warten… Das Wetter ist gut, aber wo bleiben die Leute?Gleich ist schon wieder Frühstückspause. Ups, da ist ja jemand. Ahh, die Epoxystelle wird geschliffen und Primer aufgetragen. Und plötzlich geht es aber sowas von zur Sache, Schätzchen! Das Antifouling wird aufgetragen und zwar gespritzt und nicht gerollert! So etwas haben wir auch noch nie erlebt!!! Coolio 😎! Das geht ja sowas von ratz fatz! Zwei Sprühanstriche gibt es, statt 3 Rolleranstriche. Durch die Sprühvorrichtung wird die Farbe dicker aufgetragen und suuuper gleichmäßig❣️Dolle Sache!!! Das Unterwasserschiff sieht nun aus wie neu. 🤩


Währenddessen nimmt Klaus die linke Elektrowinsch auseinander. Der Rückwärtslauf geht schon seit langem nicht mehr elektrisch. Er hat jetzt Kontakt zu einem Haken Winsch Spezialisten in Auckland bekommen und stellt zusammen mit ihm eine Ferndiagnose auf. Ein Rädchen scheint defekt zu sein. Diese Vermutung hatte auch schon der junge Mann in Nuku Hiva/Marquesas, der sich damals unserer Winsch annahm. Zur Sicherheit und zum Vergleich baut Klaus auch noch die andere Winsch auseinander. Dann ist es klipp und klopp, das Zahnrad muss erneuert werden. Er kann dieses Teil bei dem guten Mann bestellen und später selber ersetzen und einbauen. No Problem. 😉 Jetzt liegen aber beide Winschen offen. Wie eine OP am offenen Herzen, und just in diesem Moment wollen die Werftarbeiter das gesamte Boot vom Antifoulingdreck und Staub abspritzen. Aber Wasser ins offene Herz? Das wäre nicht gut! Also bauen wir beide Seilwinden unter Hochdruck wieder zusammen. Augenblicklich geht die Wasserdusche übers Boot. 💦
Der Ankerwinschspezialist bringt dann auch noch die neuen Schrauben, und so können wir sagen, dieser Tag war sehr produktiv! Ich merke deutlich, wie Klaus ein paar Brocken von den Schultern rutschen. So kann das tatsächlich klappen, mit dem Haul In oder Splash am kommenden Mittwoch. Vom Rothaarigen haben wir nämlich erfahren, dass der Splash gebucht werden muss, sonst passiert da gar nichts. Gut, gut, wir haben gebucht. Morgen ist Samstag, ein arbeitsfreier Tag, genau wie Sonntag auch. Aber laut Chad sollen morgen doch tatsächlich noch die Propeller abgeschliffen werden. Das wäre natürlich super! 👍
Nach Feierabend schwingen wir uns wieder ins Auto und machen rüber nach Russell, dem ersten von Europäern dauerhaft besiedelten Ort Neuseelands. Wobei, Māori waren schon vorher dort.

Wir nehmen die Fähre von Opua nach Okiato. Lustig, das erinnert uns sehr an die Fähre in Altrip. Nur ist die Fähre hier größer, 4-spurig und modern. Auch heult der Motor beim Start nicht so lautstark auf, wie in Altrip. Und die Perspektive ist eine andere. Kein Großkraftwerk erwartet uns auf der anderen Seite.





Von Okiato geht es ein ganzes Stück weiter bis Russell. Russell, von den Māori Kororāreka genannt, bekam den Namen von einem Māori Häuptling verpasst. Warum? Als der damals dort ansässige Häuptling erkrankte, bekam er eine extra für ihn zubereitete Pinguin-Suppe gereicht. Er gesundete und benannte seinen Ort seitdem, „Wie lecker ist der Pinguin“. Pinguin heißt in der Māori Sprache nämlich „kororā“. Schon lustig, wie damals Ortsnamen entstanden. Später, in der Kolonialzeit, benannten die Europäer den Ort Russell, zu Ehren des späteren britischen Premiers, Lord John Russell.
Im 19. Jahrhundert war das Städtchen ein Zentrum für Händler aller Art, raue Gesellen des Walfangs, Missionare, desertierte Seeleute und entflohene Sträflinge aus Australien. Wir erinnern uns, damals wurde Australien Verbannungsort für schwere Jungs aus Europa. Russell oder Kororāreka, galt als ein ausgewachsenes Sündenpfuhl! Alkohol, Prostitution, Mord und Totschlag standen auf der Tagesordnung. Dieses Sündenbabel trug lange den Spitznamen, „Hellhole of the Pacific“ (Höllenloch des Pazifik). Wow 😱….. 1840, nach dem Vertrag von Waitangi, wurde dieses Höllenloch sogar kurzzeitig zur Hauptstadt des neugegründeten Neuseelands ausgerufen. 1845 kam es zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Hōne Heke, einem ranghohen Māori-Führer und den Briten. Heke sägte mehrere Male den Flaggenmast mit der neuen Landesfahne, aus Protest gegen den Kolonialismus, ab. Dieser Konflikt ging später als „Flaggenmast-Krieg“ in die Geschichte des Landes ein. Die Briten evakuierten die Stadt und brannten große Teile nieder. Die Regierung war da aber schon längst nach Auckland umgezogen.
Wir erreichen nun das Städtchen und finden uns in einem wahren Schatzkästchen wieder. Nein, noch besser, wir wähnen uns im Paradies.

Schon da, wo wir parken, empfängt uns ein betörender Duft. 🥰 Millionen Jasminblüten verströmen ihren verzaubernden Duft. Sofort schießt mir die Werbemelodie von, „Lavendel, Oleander, Jasmin….., Vernel“, ins Gehirn. Die Werbung für den ultimativen Weichspüler, den ich jedoch nie verwendet habe. Aber die Werbung ist in einer meiner Gehirnwindungen fest verankert. 😝 Wir erkunden nun den jetzt so paradiesischen und friedlichen Ort, heute ein echtes Touristenjuwel.



















Wir verlassen nun die Seepromenade und laufen in zweiter Reihe zurück.

Auch die schmalsten Zaunrabatten sind liebevoll bepflanzt.




Enorm, was dieser Ort für einen Wandel hingelegt hat!!! Wir steigen ins Auto und fahren noch ein Stück ins Hinterland. Auch dort ist alles wie im Bilderbuch. Dazu kommt noch ein traumhafter Ausblick.

Jetzt geht’s wieder zurück, nachdem wir uns in einem super sortierten Supermarkt noch ein paar Leckereien eingekauft haben. Sogar deutsches Schwarzbrot, man staune, Schwarzbrot ist im Angebot und wird natürlich eingesackt. 😊
Wieder an der Fähre angekommen, sind nur wir und ein weiteres Auto, die hinüber wollen. So haben wir Zeit für ein drolliges Gespräch mit der kecken Fährkassiererin. Sie hat nen Schweizer geheiratet, lebte mehrere Jahre mit ihm in Davos, bevor sie gemeinsam wieder nach Neuseeland zurückkehrten. Sie spricht ein tolles Deutsch, mit leichtem schweizer Akzent und freut sich immer sehr, wenn sie auf deutschsprachige Menschen trifft. Das ist ja goldig. 🤗
Zurück auf dem Hardstand empfangen uns auch dort Ruhe und Frieden. Übrigens, wir waren noch nie auf einem so sauberen und friedlichen Werftgelände. Und voll kann man es hier auch absolut nicht nennen. Überall würden noch etliche Boote hinpassen. Dass das die hektische Hauptsaison sein soll, überrascht uns etwas. Na dann auf eine friedliche Nacht.
22.11., noch 6 Tage bis zum Abflug
Gleich um 8:30 Uhr geht’s heute weiter. Staun… Da habe ich ja noch nicht einmal meine Pinkelflasche zum Klo gebracht, da hockt schon ein junger Mann am Propeller und schleift ihn ab. Sauber! Er wird noch den zweiten Propeller bearbeiten, dann geht auch er ins Wochenende. Schön sehen sie aus, so ganz gülden ohne Schutzlack.

Der fehlt dann noch und die Politur des Bootes untenherum.
Wir schwingen uns wieder ins Auto und fahren heute zur nahegelegenen Glühwürmchenhöhle. Die fehlt uns ja auch noch, da wir die, die auf unserem Reiseprogramm stand, wegen des schlechten Wetters nicht besuchen konnten. Also auf zu den Kawiti Glowworm Caves.

Wir kaufen Eintrittskarten inklusive Führung, bei einer jüngeren Māori. Sie ist ein Familienmitglied der Eigentümer dieser Höhlen und hat die jetzt wieder häufiger zu sehende Kinn-Tätowierung. Bis zur Führung ist noch Zeit und so frage ich sie nach Sinn und Zweck dieses auffallenden Tattoos. Sie erklärt mir alles genau. 😊 Diese Art des Tattoos nennt sich „Moko kauae“ und ist nur den Frauen vorbehalten. Es ist ein heiliges Tattoo, denn es sitzt genau da, vom Kinn bis zur Unterlippe, wo die Stimme hervorkommt. Es zeigt die Wurzeln ihrer familiären Herkunft, ihren Stamm und ihren sozialen Status an, verknüpft mit der eigenen, persönlichen Bedeutung, die dem Tattoo beigemessen wird. Kurz, es ist die körperliche Manifestation ihrer wahren Identität. Heute ist es überdies ein Statement. Das bin ich, und das verkörpere ich, in wiedergefundener Verbundenheit mit den eigenen Vorfahren. Nach 1840, nachdem sich die Briten ihr Land aneigneten, ihre Sprache nicht mehr gelehrt werden durfte und auch die Kunst der Tätowierung in Misskredit geriet, war in den 1970er Jahren die Tattookunst fast vollständig verschwunden. Erst in den 80er Jahren begann eine Zeit der Wiederbelebung ihrer Sprache und Kultur und damit auch ihrer Tattookunst. Es tut gar nicht sooo weh, meint sie, nur der Bereich an der Unterlippe ist schmerzhaft. Aber das gehört eben dazu, sich im Schmerz mit der eigenen Vergangenheit zu verbinden. Früher war es eher der Initiationsritus, der den Übergang vom Mädchen zur Frau symbolisierte, heute ist es viel, viel mehr…

Berührt von ihren Worten schlendere ich noch etwas versunken durch ihren Garten und bleibe an den sich ausrollenden Farnen hängen.




Und dann ist es soweit, es geht hinein ins Höhlensystem.



30 Millionen Jahre soll das Höhlensystem existieren. Seit nunmehr 75 Jahren lebt die Māori Familie von und mit ihr. Regenwasser höhlte über Jahrmillionen den Kalkstein aus und formte Tunnel, Stalaktiten und Stalagmiten. Die berühmten Glühwürmchen, die eigentlich Larven einer Pilzmückenart sind,…

Leben seit tausenden von Jahren in diesen feuchten Höhlen, sind endemisch und kommen nur hier auf Neuseeland vor. Ihr blau-türkiser Lichtpunkt zieht kleinste Fliegen, Motten und Mücken an, ihre Nahrung. In den klebrigen, bis zu 5 cm langen, hauchdünnen Fäden, die am Hinterteil der Larven herunterhängen,…


verfängt sich die Beute. Wenn nicht und die Larve immer hungriger wird, verstärkt sich ihr Leuchten. Das Licht ist eine chemische Reaktion. Luciferin reagiert mit Sauerstoff. Dieses unglaubliche Leuchten, konnte sich über viele Millionen Jahre entwickeln und perfektionieren.
Der Lebenszyklus der Tierchen hängt auch ein Stück vom tatsächlichen Nahrungsangebot ab. Je mehr die Larven fangen und wachsen, desto schneller verpuppen sie sich, und neue Pilzmücken schlüpfen heraus. Die leben dann genau noch ganze 3 Tage. Sie besitzen keinen Verdauungstrakt, und ihr kurzes Dasein dient einzig und allein der Paarung und Eiablage. Dann isch over. Das Larvenstadium dauert bis zu 9 Monate. In dieser Zeit hängen sie von der Höhlendecke und mögen vieles nicht. Kein zu großes Gedränge, gegebenenfalls verschmatzen sie sich gegenseitig. Auch Licht, Lärm und Erschütterungen mögen sie ganz und gar nicht. Große Touristengruppen sind ihnen ein Graus.
Wir sind inklusive unserer netten Guide erst 5 Personen, dann stoßen noch 2 Inder mit ihrem Kleinkind dazu. Wir haben alle Höhlenlampen bekommen und machen an den bevorzugten Wohnstätten der Larven das sanfte Licht aus. Nach kurzer Gewöhnung an die Dunkelheit, sehen wir immer mehr leuchtende Pünktchen. Ahhh, ohhh, wundervoll!!! 🤩 Immer mehr türkise Stecknadelköpfchen leuchten auf.

Die Höhle ist viel größer, als ich zuvor vermutete, und Staunen macht sich bei mir breit. Ich kann Töne der Verzückung nicht mehr bei mir behalten, die Höhlendecken sind überzogen von leuchtenden Punkten. Es erinnert fast an die Sterne der Milchstraße, bloß in blau.



Diese Fotos durfte ich ja nicht selber machen. Aber im Prospekt der Höhlenattraktion konnte ich sie mir abfotografieren, und ich muss sagen, es sieht genauso aus! Leider fing das kleine Indermädchen in der Dunkelheit vor Angst an zu wimmern, worauf die Eltern immer wieder ihre Grubenlampen anschalteten. Grrrrrrr…. ☹️. War vielleicht nicht die beste Idee der Eltern, mit ihrem Kleinkind in finstere Höhlen zu steigen. Unsere Guide, die übrigens ein perfekt sauberes Englisch spricht, weist die Eltern immer wieder daraufhin, ihr Licht zu löschen. Nur so ist uns der Glühwürmchenhimmel ein wirklicher Genuss. Dann sind wir durch die Höhlengänge durch, werden verabschiedet und dürfen den restlichen Hügel alleine hinaufsteigen und über den gekennzeichneten Buschweg wieder zurück zum Auto wandern.










Es würde mich nicht wundern, wenn sich einer der urigen Felsen in Wirklichkeit als ein grüner, feuerspuckender Drache entpuppen würde. Aber es passiert nichts dergleichen, und wir erreichen wohlbehalten unser blaues Auto. Das war jetzt ein wirklich schöner, kleiner Ausflug. Happy, doch noch eine Glühwürmchenhöhle besichtigt zu haben, lassen wir den Abend noch mit ein wenig Fernsehprogramm ausklingen. Morgen ist Sonntag, es wird nichts am Boot passieren, und vielleicht machen wir noch einen weiteren, kleinen Ausflug in die nähere Umgebung. Schauen wir mal. 👋
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Ihr habt so einen Wahnsinnsbericht geschrieben, so wunderschön, danke danke danke🫂🫂