Wir durchsegeln heute eine sehr geschichtsträchtige Ecke. Vorausgesetzt, wir bekommen den Anker noch hoch. Die Sicherung ist rausgeknallt, aber zum Glück funktionieren die Fußtaster am Bug über einen separaten Stromkreis. Wir können los, aber erstmal nur mit Jib und das bei Regen. Es ist bewölkt aber nicht durchgängig. Regen und Sonne wechseln sich ab, wie im April. Der Wind ist gerade etwas gnädiger, dennoch wackeln wir kräftig hin und her. Das merke ich schmerzhaft beim Kochen, wenn ich vor und zurück und nach links und rechts geschmissen werde. Aua, daher die blauen Flecken, alles klar.
Gerade lese ich nochmal über unsere Strecke bis Darwin. Sie gilt als eine der herausforderndsten Segelstrecken von ganz Australien. Na super! 🤔 Volltreffer! Bis jetzt sagte ich bei Nachfragen immer ganz lapidar, ja, und dann halt die Ostküste hoch bis Darwin, als wäre das das Normalste von der Welt. Da bin ich ja wohl deutlich falsch gewickelt. Tristans Worte kommen mir natürlich wieder in den Sinn. Wie Recht er doch hatte. Aber das schrieb ich, glaube ich, schon einmal. Oder zweimal? 😏 Dann kommt ja auch noch die Torres Strait, die die Meerenge des Korallenmeeres mit der Arafura Sea verbindet.

Diese Straße ist gefürchtet für ihr Insel-Korallenriff-und Untiefenwirrwarr. Historisch wurde diese Meerenge erstmals 1606 vom spanischen Seefahrer Luis Vaez de Torres durchfahren, nach dem sie dann auch benannt wurde. Das waren noch echte Abenteurer! Ohne unsere modernen Hilfsmittel, alle Achtung!!!
Um 15:30 Uhr durchsegeln wir eine dieser Engstellen. Zur Linken eine Insel, zur Rechten ein beeindruckender Felsenhaufen. Und im Hintergrund die Schifffahrtsstraße für die dicken Pötte.





So, und jetzt kommt’s. Diese kleine, linksliegende Insel mit ihren rund 25 Hektar hat eine bunte und interessante Geschichte. Heute ist sie der kleinste Nationalpark Queensland‘s und nur per privatem Boot zu erreichen. Die Verwaltung liegt in den Händen des Landes und der Northern Kuuku Ya‘u Kanthanampu Aboriginals, denen diese Insel kulturell sehr wichtig ist. Das ist mal das eine. Das andere ist die Geschichte eines australischen Robinson Crusoe.
In dem Buch „The Millionaire Castaway“ wird das Leben des David Glasheen beschrieben, einem ehemals millionenschweren, australischen Finanzinvestors und Unternehmers, der während des Börsencrashs 1987 den Großteil seines Vermögens verlor. Er pachtete genau auf dieser Insel ein Stück Land und lebte dort viele Jahrzehnte mit Solarstrom, Satelliteninternet, Gemüsegarten und vom Fischfang.

Glasheen starb 2025, 81-jährig, in einem Krankenhaus in Brisbane. Er starb an den Folgen eines Herzinfarktes. Er und seine Geschichte machten die sogenannte Restauration Insel bekannt und berühmt, auch über Australiens Grenzen hinweg.
Aber viel berühmter und aufregender ist die Geschichte des Captain Bligh und seiner Getreuen von der Bounty. Nach der Meuterei wurden er und seine Leute, 18 an der Zahl, in ein nur 7 Meter langes Beiboot gequetscht und mit wenig Proviant und Wasser, bei Tofua, in der Nähe von Tonga ausgesetzt.


Bligh, der noch bei James Cook gelernt hatte, war ein begnadeter Navigator. Durch sein Können und seine extreme Disziplin und Strenge, gelang es ihm, bis ins damalig niederländische Timor zu segeln und all seinen Mannen das Leben zu retten. Die Gesamtstrecke waren sage und schreibe 3.600 Seemeilen (6.700 Kilometer). Und jetzt kommt genau diese Insel hier ins Spiel. Nach 26 Tagen auf hoher See und der riskanten Fahrt durchs Great Barrier Reef, erreichten sie am 29. Mai 1789 genau diese Insel und gingen an Land. Gingen? Sie schleppten sich und ihr Boot mit letzter Kraft über den Sand. Ich höre sie stöhnen und sehe ihre ausgemergelten Körper, Gesichter und ihre tiefliegenden Augen geradezu vor mir. Diese kleine australische Insel rettete allen in wahrlich letzter Sekunde das Leben. Mehr tot als lebendig, nach minimalsten Essensrationen (40 Gramm Brot am Tag), durchnässt und dem Delirium nahe, fanden sie hier Wasser, Muscheln, Austern, Beeren und Palmenherzen. Sie konnten sich regenerieren und sogar noch ihr defektes Ruder reparieren. So kam diese Insel dann auch zu ihrem Namen, „Restoration Island“. Die Insel der Wiederherstellung.

Doch auch der 29. Mai selbst war ein geschichtsträchtiger Tag. Es war der Jahrestag der englischen Restoration. An diesem 29. Mai 1660 kehrte König Karl II auf seinen Thron zurück und konnte seine Macht wiederherstellen. So hatte der neue Name gleich zweierlei Bedeutung für Bligh und seine Nachwelt. Doch lange wehrte die Restoration nicht. Nach nur 2 Tagen, am 31. Mai, begegneten ihnen mit Speeren bewaffnete Aborigines. Um blutige Auseinandersetzungen zu vermeiden, brach Bligh die Rast sofort ab und segelte weiter Richtung Norden in die Torres-Straße. Mensch, das ist ja genau unser Weg! Er machte dort noch bei weiteren Inseln Rast um Proviant zu suchen und aufzunehmen. Diese Inseln benannte Bligh nach den Wochentagen der jeweiligen Landung. So gab es dann die Sunday Island, die Tuesday, Wednesday, Thursday und Friday Island. Er selber hat aber wohl nur Sunday und Wednesday Island benannt. Die anderen Wochentage kamen von späteren Seglern im Gedenken an Bligh dazu. Am 3. Juni passierten sie das Nordkap in der tückischen Torres Strait. Puh, da müssen wir auch rum. 😬 Bligh kartierte und zeichnete die Gewässer und Inseln während der Fahrt so präzise, dass die britische Admiralität diese Karten noch Jahrzehnte später nutzte. Meine Güte, was hatte Bligh für übermenschliche Fähigkeiten. Am 14. Juni 1789 erreichten sie nach 47 Tagen, den niederländischen Hafen Kupang auf Timor. Tja, auch das wird unser Weg und Zielort in Indonesien sein. 😅
Im März 1790 erreichte Bligh schließlich wieder seine englische Heimat und wurde als Held gefeiert. Und was geschah mit den Meuterern?

Mit der Insel Pitcairn habe ich mich damals im Südpazifik auch schon befasst. Lustig! Dort leben immer noch die Nachfahren der ehemaligen Meuterer. Wir segeln hingegen nicht mehr viel weiter,…


sondern schmeißen in der kurz hinter der Restoration Insel befindlichen Bucht den Anker, noch ganz beseelt von der sich hier abgespielten Geschichte.




Je weiter wir nach Norden kommen, umso öfter begegnen uns Aboriginal People. Hier düsen 2 Männer mit ihrem Motorboot herum. Wozu, wird uns nicht ganz klar. Uns gegenüber, an Land, soll es ein Restaurant geben, das für die besten Fischkreationen weit und breit bekannt ist. Frage, gibt es hier überhaupt noch andere Restaurants in der Umgebung? 😉 Nun ja, die Öffnungszeiten sind Do bis So, wir sind hier an einem Mo. Also gibt es keine Chance den Test zu machen. Pech gehabt. 😕
Außer fetten Böen, die ab und an über den Berg gesaust kommen, liegen wir aber ganz manierlich hier.

Zum Abend hin zieht es wieder etwas mehr zu.

Egal, wir marschieren sowieso früh in unsere Kojen. Gute Nacht. 😴
P.S.: Ich träume bestimmt was von Käpt’n Bligh und seinen Mannen…
Der nächste Morgen
Die Margaret Bay zu erreichen ist die heutige Tagesaufgabe.

Früh wird der Anker gezogen, denn dort erwartet uns die beste Ankerbucht der gesamten Ostküste, gespickt mit vielen Kroks. 🐊 Das sagt zumindest noforeignland, unser ständiger Ratgeber rund ums Segeln. Was die vorhergesagten Krokodile betrifft, ist unsere Ausbeute bisher gleich null. Schauen wir mal… 🙂.
Die Überfahrt ist schon mal prima.

Zwar haben wir Regen, Sonne, Regen, Sonne, Regen, Sonne, Sonne, Sonne, etwas Regen und Sonne… und mehrere Regenbögen.


Doch der Wind ist auszuhalten und bläst von hinten. Die Wellen schließen sich dem an, und sogar die Strömung schiebt uns mit immerhin 2 Knoten voran. Da brauchen wir nur das Jib, die Nagelprobe fürs Screecher lässt noch weiter auf sich warten. Wir durchfahren mehrere Engstellen und ganz besonders viele davon liegen genau vor unserer Margaret Bucht.




Es liegt sich prima in dieser Bucht, ganz wie versprochen. Die Wellen haben sich beruhigt und auch der Wind lässt uns weitestgehend in Ruhe, ich kann’s kaum fassen! So ruhig lagen wir ja schon lange nicht mehr! Und allzu weit von Australiens Nordspitze sind wir auch nicht mehr entfernt.

Im Hintergrund schippern die Handelsfrachter vorbei….

und vor uns liegen einige Segler und Motoryachten.

Denn das wissen nicht nur wir, das mit der schönen Margaret Bay.

Langsam sinkt die Sonne dem Horizont entgegen,…

die Hundebesitzer verlassen ein letztes Mal mit ihren Kötern die Boote und fahren sie zum Scheißen an Land, wo die Krokodile schon auf sie warten. Nein, so ist es natürlich nicht! Der erste Teil stimmt zwar, aber Krokodile sehe ich keine. Auch wenn ich noch so angestrengt durchs Fernglas schaue. Na gut, dann eben nicht. Wir müssen uns eh mit anderen Problemen befassen. Der Autopilot fiel heute 3 mal aus, die gesteckte Route verschwand urplötzlich vom Plotter und die eine Elektrowinsch auf meiner Seite machte auch wieder Ärger. Sonst noch was? Ach ja, Klaus‘ Ohr tut weh. Mist! Nun ja, da morgen das besagte Tief über uns hinwegziehen wird, bleiben wir 2 Nächte hier und haben etwas Zeit, ein paar der Probleme in Angriff zu nehmen. Im Übrigen wartet auch noch die verfickte Steuererklärung und will gemacht werden. Schißdrack! Zu allererst wird die Winsch untersucht. Klaus nimmt sie alleine auseinander, gemeinsam staunen wir über den immensen Salzdreck innerhalb des Gehäuses. Ich assistiere und drücke die Reinigungspaste auf Klaus‘ Finger, hole Wattestäbchen und tropfe das Pflegeöl auf Zahnrädchen und Klappmechanismen. Dann baut Klaus alles wieder zusammen und ein Testlauf wird gemacht. Passt. ✅ Den dreifachen Kurzausfall des Autopiloten ignorieren wir erstmal, die verschwundene Wegstrecke bleibt verschwunden, aber Klaus hat ja als Backup sein IPad. Das meckert aber wiederum wegen seines vollen Speichers… 🙄. Probleme über Probleme. Ab ins Bettchen und Augen zu. 🙈
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